Ein Mensch, ein Fahrrad, 15.000 Kilometer in 414 Tagen durch 15 Länder. Der Hamburger Anselm hat sich ins große Abenteuer gewagt und ist alleine mit seinem Fahrrad durch Afrika gefahren. Aus seinem Abenteuer hat einen Film produziert, der ab Mitte Dezember in Hamburg zu sehen ist. Wir haben diesen unglaublich mutigen Hamburger getroffen und über die Reise seines Lebens gesprochen. Über Einsamkeit, Glück, sich selbst zu finden und natürlich: Sehnsucht nach Hamburg!

Was war eigentlich vor der Reise?

In welchem Bezirk hast du gelebt?

Zuerst habe ich außerhalb von Hamburg gewohnt und bin jeden Tag 20 Kilometer zu meinem Geophysik und Ozeanographie Studium an der Universität Hamburg gefahren. Dann bin ich nach Eimsbüttel gezogen, wo ich auch jetzt nach der Reise wieder eine Wohnung gefunden habe.

Warum ausgerechnet Afrika? Was verbindest du mit diesem Kontinent?

Afrika hatte immer eine besondere Faszination für mich, weil unsere Wurzeln dort liegen; ich auf der anderen Seite aber so wenig über den Kontinent wusste. Von allen Orten, an die ich dachte, habe ich mir Afrika immer intensiv, kraftvoll und lebendig vorgestellt. Und ganz weit weg von dem, was ich gewohnt war. Es gab so viel, was ich mir nicht vorstellen konnte. Das Neue und Unbekannte hat mich einfach gereizt.

Warum hast du die Reise alleine begonnen?

Ich war anfangs mit zwei Freunden für einige Monate in Südafrika unterwegs. Ich wollte es anfangs mit allen Mitteln vermeiden, alleine reisen zu müssen. Ich hatte Angst davor einsam zu sein und konnte es mir einfach nicht vorstellen in diese endlose Weite alleine aufzubrechen. Und dann mussten meine zwei Freunde plötzlich die gemeinsame Tour abbrechen und ich stand ohne sie vor der Kalahari Wüste. Wie tief ich auf dieser Reise in den Kontinent und mich selbst hineingehen würde, war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht klar.
Ich wollte den ersten Schritt wagen und habe mir vorgenommen, dass ich ab dem nächsten Land, Namibia, jederzeit abbrechen kann, wenn ich möchte. Weil ich keinen fixen Plan hatte, habe ich mich davon nie unter Druck gesetzt gefühlt. So habe ich immer nur bis zum nächsten Ort oder nach dem nächsten Schlafplatz geschaut. Und dann stand ich schließlich über ein Jahr später im Norden Afrikas – nach 15.000 Kilometern Reise!


Was hat dich so Fahrradfahren so gereizt? Wieso hast du kein Auto genommen?

Das Fahrradfahren liegt bei mir in der Familie. Mein Vater und Bruder sind früher auch schon mit dem Drahtesel gereist. Außerdem habe ich einige kürzere Radtouren durch Europa und Kanada gemacht und dabei erlebt wie vollkommen frei ich mich fühle und wie nah ich der Natur sein kann. Ich kann alles fühlen, riechen und schmecken und kam in einen viel langsameren, achtsameren Rhythmus. Außerdem ist das Gefühl, eine Distanz aus eigener Kraft bewältigt zu haben, sehr befriedigend. Und wenn ich auf dem Rad sitze und keine Windschutzscheibe oder Metall um mich herum hae, komme ich  auch in einen ganz anderen Kontakt mit den Menschen vor Ort.

Was haben deine Eltern und Freunde zu deinem Plan gesagt?

Denen habe ich zunächst nichts davon erzählt. Ich habe sie erst vom Flughafen aus angerufen und gesagt: Ich bin in Afrika. Die Idee war so verrückt, dass viele mir von dem Vorhaben abgeraten hätten. Davon wollte ich mich nicht verunsichern lassen. Aber meine Familie und engen Freunde kennen mich gut und wissen, wie sehr ich dieses Abenteuer brauchte. Ich hatte immer ihren Rückhalt und das hat mir viel Sicherheit gegeben.

Die Reise ins Unbekannte, die Reise durch Afrika

Wie haben die Menschen in Afrika auf dich reagiert?

Ich hatte mir davor wenig Vorstellungen gemacht, ob die Menschen in Afrika sehr anders sein würden. Ich war daher überrascht und sehr oft auch tief berührt von der Herzlichkeit und Freundlichkeit der Menschen. Manchmal mit ein paar Brocken Swahili oder Englisch, manchmal auch nur mit Händen und Füßen, war es immer wieder schön, nach vielen Tagen einsamen Fahrens, in eine Gemeinschaft zu kommen, begrüßt zu werden und an ihren Brunnen und Märkten teilhaben zu können. Und in den Momenten, in denen ich wirklich Hilfe brauchte, waren immer Menschen für mich da. Afrika hat mich herzlich aufgenommen.

War es oft einsam?

Auf früheren Touren bin ich immer in Gruppen oder mit mindestens einer anderen Person gereist. In Afrika war ich dann gezwungen mich mit meiner Angst vor der Einsamkeit auseinander zu setzen und habe über mehrere Monate hinweg gelernt, alleine zu sein. Irgendwann fühlte es sich so an, als wäre die Einsamkeit immer schon da gewesen und nun konnte ich sie in Freundschaft annehmen und sogar genießen.

Hattest du auch mal Heimweh? Was hast du an Hamburg vermisst?

Natürlich habe ich oft an die Menschen gedacht, die mir nahe sind. Aber wenn man sich ganz auf den Moment einlässt, ist gar nicht mehr viel Raum für Vorstellungen oder Wünsche. Ich habe einfach im Hier und Jetzt gelebt und alles angenommen, was mit vom Leben geboten wurde.

Was war dein schönster Moment und was dein Schlimmster Moment?

Die schönsten Erfahrungen waren oft nicht die spektakulären oder lauten, sondern die leisen Augenblicke, in denen ich einfach ganz im Moment war. Da dachte ich nicht mehr an etwas anderes, an ein weit entferntes Ziel oder daran, wie etwas sein sollte oder von außen aussieht. Ich nahm einfach das Jetzt wahr – das, was gerade war.
Es war auch eine wunderbare, befreiende Erfahrung, nur mit dem Notwendigsten zu reisen. Solange du unter Menschen bist, gibt es für alles eine Lösung. Ich hatte Malaria und andere schwere Krankheiten, hatte Pannen und Unfälle. Aber immer habe ich gespürt, dass die Menschen vor Ort mir helfen. Menschen, mich anlächeln, zum Abendessen einladen oder einfach nur mit mir meinen Reifen flicken. Diese Hilfsbereitschaft hat mich überrascht und mir die tiefe Zuversicht geschenkt, dass ich nicht für alle Fälle vorbereitet sein muss, weil am Weg nicht nur Herausforderungen warten, sondern auch Unterstützung.
Aber es gab natürlich auch brenzlige Situationen. Ich kam mehrere Male in Berührung mit Waffen. Wenn man mit Kalaschnikow vorher keine Berührungspunkte hatte, merkt man erst, was für eine krasse Wirkung sie haben. Sie schaffen eine Situation, die schwer zu kalkulieren ist, da sie eine Übermacht geben, in der das Kräfteverhältnis ganz und gar aus dem Ruder läuft.
Ich habe auf der Reise darauf verzichtet Wasser zu kaufen und mich nur von den lokalen Brunnen und Flüssen versorgt. Dabei hatte ich auch Strecken wo es knapp wurde mit dem Wasser, wo Brunnen leer oder Pumpen defekt waren. Das waren schon einschneidende Erlebnisse. Aber ich bin dankbar, denn dadurch konnte ich eine der Grundbestimmungen unseres Lebens ganz unmittelbar und intensiv erleben. Wir brauchen alle Wasser und merken erst, wie wertvoll es ist, wenn es knapp wird.

Erzähle mal über deinen Film: „Anderswo – Allein in Afrika“

Wie bist du darauf gekommen, aus der Reise einen Film zu machen?
Ab dem Moment, in dem ich plötzlich allein war, habe ich angefangen meiner kleinen Kompaktkamera von meinen Gefühlen und Eindrücken zu erzählen. Das tat unglaublich gut. Besonders zu Beginn in der Kalahari, dem einsamsten Gebiet Afrikas. Da war niemand außer mir. Ich war es gewohnt mein Leben mit anderen zu teilen und so habe ich es dort mit meiner Kamera geteilt. Irgendwann wurde es dann ein Hobby neue Perspektiven und Einstellungen auszuprobieren. Dass ich die Aufnahme wirklich mal jemanden zeigen, oder sogar einen Film daraus machen würde, daran habe ich erst einige Jahre nach meiner Rückkehr gedacht.

Einen Film zu produzieren ist sehr viel Arbeit, warum hast du dich dazu entschieden?
Vor etwa anderthalb Jahren haben zwei Bekannte das Material gesehen und mir bewusst gemacht, dass die Geschichte vielleicht auch für andere spannend sein könnte. Außerdem hatte ich mit der Idee gespielt, einen kurzen Film für meine Familie und Freunde zu machen, um meine Erfahrung in Afrika für sie greifbar zu machen. Das ist nun 16 Monate her und seitdem hat sich ein kleines Team zusammengefunden und wir haben aus dem Rohmaterial einen wunderbaren Film gezaubert. Es war spannend zu sehen, wie sich unser Projekt weiterentwickelt und wächst. Ans Kino habe ich sehr lange gar nicht gedacht. Es ist für uns alle ein absolutes Herzensprojekt. Allein kam ich durch Afrika, aber diesen Film hätte ich allein nicht geschafft.

Was waren deine Aufgabe bei dem Film?
Um mit dem ganzen Projekt überhaupt starten zu können, musste ich erst die große Herausforderung überwinden, Leute zu finden, die Lust haben mich bei diesem no-budget Projekt zu unterstützen. Zur Weihnachtszeit des letzten Jahres hatte ich dann endlich das Team zusammen und mit Laia Gonzalez eine wunderbare Produzentin gefunden. Während des Projektes habe ich mit einem Freund zusammen Regie geführt. Ich bin außerdem der Sprecher des Filmes, Co-Produzent und habe mich um das komplette Marketing gekümmert.

Wo wird der Film aufgeführt?
Der Film wird ab Anfang Dezember im Abaton Kino laufen und dann auch in ca. 30 weiteren Städten in Deutschland zu sehen sein. Zu vielen Vorstellungen fahre ich selbst und freue mich darauf die Menschen kennenzulernen, die den Film sehen. Alle Termine und Infos sind auf der Homepage: https://www.startnext.com/anderswo

Was sollen die Leute, die deinen Film gesehen haben mitnehmen?
Ich war auf der Suche nach einem großen Abenteuer und das habe ich auch gefunden. Dabei habe ich immer wieder erfahren, welche Kräfte sich einem offenbaren, wenn man sich überwindet, sich selbst und dem Unbekannten zu vertrauen. Ich möchte diese Geschichte teilen und anderen Mut machen. Und ich möchte einen ehrlichen Eindruck von einem Kontinent geben, von dem wir wenig wissen, obwohl wir viel darüber in den Medien hören. Wenn jemand aus dem Film geht mit einem bunteren Bild von Afrika und Kraft mitnimmt, seinen oder ihren eigenen Weg zu gehen, wohin auch immer, dann war der Film ein Erfolg.

Hier findet Ihr alle Infos, wann und Wo der Film dann in den Hamburger Kinos und auch Bundesweit zu sehen ist.

Zurück im schönen Hamburch

Was sind deine Lieblingsplätze in Hamburg?

Das Treppenviertel in Blankenese und die Schanze.

Was ist deine Lieblingstour mit dem Fahrrad durch Hamburg?

Entlang der Elbe Richtung Westen.

Die bessere Verpflegung für deine Radtour – lieber Fischbötchen oder Franzbrötchen?

Franzbrötchen.

Was möchtest du unseren Lesern noch mit auf den Weg geben?

Vertraue immer deinem Instinkt. Das erste Gefühl gibt einem Recht, danach neigt man dazu diesen Impuls zu überdenken und in Sorgen zu verharren. Ich vertraue immer auf mein Bauchgefühl und überquere eine Brücke erst, wenn ich vor ihr stehe. Manchmal ist es gut, nur das Notwendigste zu haben, denn dann merkte man, wie viel man eigentlich hat.

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